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Migränetherapie: Welche Methode passt zu Ihren Symptomen?

Migräne ist mehr als ein schmerzender Kopf. Eine Attacke kann das Nervensystem so stark belasten, dass Licht, Geräusche, Bewegung oder Gerüche kaum noch auszuhalten sind.

Aktualisiert31. August 2026
Lesezeit13 Min. Lesezeit
Migränetherapie: Welche Methode passt zu Ihren Symptomen?

Unbehandelt dauern Migräneattacken bei Erwachsenen typischerweise zwischen 4 und 72 Stunden. Viele Betroffene erleben zusätzlich Nackenbeschwerden, Druckempfindlichkeit oder das Gefühl, dass sich die gesamte obere Körperhälfte verhärtet.

Genau hier entsteht häufig Unsicherheit: Liegt die Ursache im Nacken? Brauche ich ein Medikament oder Physiotherapie? Kann ich Migräne ohne Medikamente behandeln? Die Antwort ist selten ein schlichtes Entweder-oder. Die passenden Migräne-Therapieformen im Vergleich zeigen vielmehr, dass medikamentöse Akuttherapie, Physiotherapie, Ausdauertraining und neuromodulatorische Verfahren unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Entscheidend ist das Zusammenspiel – zwischen der neurologischen Behandlung der Attacke, den muskulären und funktionellen Einflussfaktoren und den Ressourcen Ihres Nervensystems.

Die neurologische Basis: Warum Nacken und Trigeminus kommunizieren

Migräne entsteht nicht einfach durch eine verspannte Halsmuskulatur. Sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, bei der das trigeminale Schmerzsystem eine zentrale Rolle spielt. Der Nervus trigeminus verarbeitet Empfindungen aus dem Gesicht, dem Kopf und Teilen der Hirnhäute. Gleichzeitig stehen diese Strukturen in enger Verbindung mit den sensiblen Nervenfasern der oberen Halswirbelsäule, insbesondere mit den Spinalnerven C1 bis C3.

Diese Verbindung wird als trigeminozervikale Konvergenz bezeichnet. Vereinfacht gesagt laufen Informationen aus dem Kopfbereich und aus der oberen Halsregion auf gemeinsamen Verarbeitungsebenen im Rückenmark und im Hirnstamm zusammen. Das Nervensystem kann die eingehenden Signale dadurch nicht immer klar voneinander trennen. Eine Aktivierung des trigeminalen Systems kann die Muskelspannung im Nacken verstärken; umgekehrt können Reize aus der oberen Halsregion die Verarbeitung von Kopfschmerz beeinflussen.

Das erklärt, weshalb Migräne und Nackenbeschwerden so häufig gemeinsam auftreten. Der Nacken ist jedoch nicht automatisch die alleinige Ursache der Migräne. Nackenschmerz kann ein Begleitsymptom der Attacke sein, bereits vor dem eigentlichen Kopfschmerz auftreten oder durch eine ungünstige Belastungsverteilung verstärkt werden. Die therapeutische Aufgabe besteht deshalb nicht darin, möglichst kräftig an einer verspürten Verspannung zu arbeiten, sondern die gesamte Reizverarbeitung und die körperliche Kompensation zu verstehen.

Typische funktionelle Faktoren können sein:

  • eine erhöhte Spannung der subokzipitalen Muskulatur direkt unterhalb des Hinterkopfs,
  • eine eingeschränkte Beweglichkeit der oberen Halswirbelsäule,
  • eine dauerhaft nach vorn verlagerte Kopfposition,
  • eine Überlastung von Schultergürtel und Kaumuskulatur,
  • eine flache oder angestrengte Atmung unter Stress,
  • ein Wechsel zwischen langem Sitzen, Bewegungsmangel und plötzlich hoher Belastung.

Keiner dieser Punkte beweist für sich eine Migräneursache. Sie können aber dazu beitragen, dass das Nervensystem zusätzliche Reize verarbeiten muss. Bei einem bereits sensibilisierten System reichen dann manchmal kleinere Belastungen aus, um Beschwerden zu verstärken.

Der Nacken ist bei Migräne oft Teil des Beschwerdebildes – aber nicht die ganze Erklärung.

Medikamentöse Akuttherapie: Wenn die Attacke schnell unterbrochen werden soll

Medikamente haben in der Migränebehandlung einen klaren Platz: Sie sollen eine akute Attacke möglichst früh und wirksam lindern. Nach der S1-Leitlinie zur Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne von DGN und DMKG gehören Eletriptan, Rizatriptan und Sumatriptan zu den wirksamsten Substanzen in der Akutbehandlung.

Triptane wirken gezielt auf das Migränesystem und sind nicht mit gewöhnlichen Schmerzmitteln gleichzusetzen. Welches Präparat geeignet ist, hängt unter anderem von der Stärke und Dauer der Attacke, dem zeitlichen Verlauf, Begleitsymptomen wie Übelkeit sowie möglichen Vorerkrankungen ab. Auch die Darreichungsform kann relevant sein, wenn während der Attacke eine starke Übelkeit oder Erbrechen auftritt.

In bestimmten Situationen wird eine Kombination aus Sumatriptan und Naproxen eingesetzt. Als Fixkombination ist eine Dosierung von 85 mg Sumatriptan und 500 mg Naproxen bekannt. Ob eine solche Kombination im individuellen Fall sinnvoll und verträglich ist, gehört in ärztliche Hand. Besonders bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gefäßerkrankungen, Schwangerschaft, anderen regelmäßigen Medikamenten oder häufigen Attacken sollte die Akuttherapie nicht eigenständig verändert werden.

Bei der Bewertung von Medikamenten geht es nicht nur darum, ob der Schmerz verschwindet. Eine gute Akuttherapie sollte möglichst zuverlässig wirken, die Attacke verkürzen und die Rückkehr in den Alltag ermöglichen, ohne selbst neue Probleme zu verursachen. Dazu gehört auch der Blick auf die Häufigkeit der Einnahme. Werden Schmerz- oder Migränemedikamente sehr häufig verwendet, kann sich ein Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch entwickeln. Die konkrete Grenze hängt vom Präparat und von der individuellen Situation ab und sollte ärztlich besprochen werden.

Medikamente sind deshalb besonders passend, wenn:

1. die Migräneattacken stark ausgeprägt sind und den Alltag deutlich unterbrechen,

2. eine schnelle Linderung benötigt wird,

3. Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit eine aktive Behandlung erschweren,

4. die Attacken regelmäßig wiederkehren und ein ärztlich abgestimmtes Akutkonzept fehlt,

5. körperliche Maßnahmen während der Attacke zu anstrengend oder unangenehm sind.

Das bedeutet nicht, dass jede Migräneattacke medikamentös behandelt werden muss. Es bedeutet vielmehr, dass eine wirksame Akutstrategie zur Verfügung stehen sollte, wenn die Beschwerden stark werden oder sich nicht anders beherrschen lassen.

Physiotherapie bei Migräne: Was sie leisten kann – und was nicht

Physiotherapie setzt an einem anderen Abschnitt der Beschwerdekette an. Sie behandelt nicht die neurologische Veranlagung zur primären Migräne, kann aber funktionelle Faktoren beeinflussen, die Attacken begleiten, verstärken oder die Erholung erschweren.

Im Mittelpunkt steht eine genaue Befundaufnahme. Dabei wird nicht nur gefragt, wo es schmerzt. Relevant sind auch Beweglichkeit, Muskeltonus, Belastungsverteilung, Atemmuster, Schlafposition, Arbeitsalltag und die Reaktion des Körpers auf Berührung oder Bewegung. Bei chronischen Schmerzen ist das Nervensystem häufig empfindlicher geworden. Eine Maßnahme, die bei einer unkomplizierten Muskelverspannung gut verträglich wäre, kann dann bereits zu intensiv sein.

Mobilisation statt mechanischer Korrektur

Manuelle Therapie und sanfte Mobilisation können eingeschränkte Bewegungen der Hals- und Brustwirbelsäule unterstützen. Dabei geht es nicht darum, einen vermeintlich verrutschten Wirbel mit einer einzelnen Technik dauerhaft zu korrigieren. Der Körper ist kein starres System, in dem ein Handgriff eine dauerhafte Ordnung herstellt.

Sinnvoller ist es, Bewegungsoptionen zu erweitern und dem Nervensystem wieder sichere, gut dosierte Reize anzubieten. Eine Bewegung, die lange vermieden wurde, kann zunächst vorsichtig und in einem kleinen Umfang geübt werden. Mit der Zeit lässt sich die Belastung steigern, sofern der Körper darauf nicht mit einer deutlichen Verschlechterung reagiert.

Besonders bei Beschwerden im oberen Nackenbereich kann die Kombination aus Mobilisation, aktiver Bewegung und einer Anpassung der Alltagsbelastung hilfreich sein. Die Behandlung sollte dabei nicht ausschließlich passiv bleiben. Wenn die kurzfristige Entspannung aus der manuellen Therapie nicht durch eigene Bewegungsressourcen ergänzt wird, kehrt die alte Kompensation häufig zurück.

Triggerpunkttherapie mit angemessener Dosierung

Triggerpunkte sind druckempfindliche Bereiche in einem Muskel oder in muskulären Faszienstrukturen. Sie können Schmerzen in andere Regionen übertragen, etwa vom oberen Trapezmuskel in den Hinterkopf oder von der Kaumuskulatur in die Schläfe. Eine Triggerpunkttherapie kann solche lokalen Belastungsmuster beeinflussen.

Bei Migräne ist jedoch Zurückhaltung wichtig. Ein schmerzhafter Punkt ist nicht automatisch der Auslöser einer Attacke. Und mehr Druck bedeutet nicht mehr Wirkung. Gerade bei einem empfindlichen Nervensystem kann eine zu intensive Behandlung die Beschwerden vorübergehend verstärken. Die Behandlung wird deshalb an die aktuelle Reizbarkeit angepasst und sollte nicht als schmerzhafter Krafttest verstanden werden.

Eine systematische Übersichtsarbeit von Jung und Kollegen aus dem Jahr 2021 beschreibt positive Effekte physiotherapeutischer Maßnahmen wie Triggerpunkttherapie, Mobilisation und Dehnung auf Schmerzintensität, Dauer und Häufigkeit von Migräneattacken – insbesondere dann, wenn diese Interventionen multimodal kombiniert werden. Das ist ein wichtiger Hinweis für die Praxis, aber kein Versprechen einer vollständigen Heilung durch Physiotherapie allein.

Aktive Übungen und Körperwahrnehmung

Zu einer ganzheitlichen Migränetherapie gehören häufig Übungen, die das Zusammenspiel von Hals, Schultergürtel, Brustkorb und Atmung verbessern. Sie müssen nicht spektakulär sein. Oft ist eine kleine, regelmäßig ausgeführte Bewegung wertvoller als ein intensives Programm, das nur an guten Tagen gelingt.

Geeignete Inhalte können – abhängig vom Befund – sein:

  • kontrollierte Bewegungen der Halswirbelsäule ohne Enddruck,
  • Übungen für die tiefen Halsbeuger,
  • Mobilisation der Brustwirbelsäule,
  • sanfte Kräftigung der Schulterblattmuskulatur,
  • Atemübungen zur Reduktion unnötiger Haltespannung,
  • dosierte Dehnung von Nacken-, Brust- und Kaumuskulatur,
  • ein schrittweiser Aufbau von Belastbarkeit im Alltag.

Dabei ist die Reaktion nach der Übung entscheidend. Eine leichte, vorübergehende Wahrnehmung von Spannung kann tolerierbar sein. Eine deutliche Zunahme von Kopfschmerz, Übelkeit oder neurologischen Symptomen spricht dagegen dafür, die Dosis zu verändern und die Beschwerden ärztlich abklären zu lassen.

Migränebehandlung ohne Medikamente: Prophylaxe beginnt im Alltag

Die Frage nach einer Migränebehandlung ohne Medikamente ist verständlich, besonders wenn Nebenwirkungen auftreten, die Attacken häufig sind oder Betroffene ihre Behandlung langfristig breiter aufstellen möchten. Nicht-medikamentöse Verfahren können einen wichtigen Beitrag leisten, ersetzen jedoch nicht in jedem Fall eine ärztliche Akut- oder Prophylaxetherapie.

Die S1-Leitlinie von DGN und DMKG nennt Ausdauersport als wirksame nicht-medikamentöse Möglichkeit zur Migräneprophylaxe. Gemeint ist kein sporadisches Überfordern, sondern ein regelmäßiger und verträglicher Trainingsreiz. Walking, Radfahren, Schwimmen oder ein anderes Ausdauertraining können geeignet sein, sofern Intensität und Umfang an den individuellen Zustand angepasst werden.

Gerade bei chronischen Schmerzen ist der Einstieg oft der entscheidende Punkt. Wer an guten Tagen zu viel nachholt und anschließend mehrere Tage pausieren muss, trainiert nicht kontinuierlich, sondern pendelt zwischen Überlastung und Rückzug. Besser ist ein Umfang, der auch an durchschnittlichen Tagen realistisch bleibt. Die körperlichen Ressourcen werden dadurch allmählich erweitert, ohne das Nervensystem ständig mit einem neuen Alarmreiz zu konfrontieren.

Zur nicht-medikamentösen Prophylaxe gehören außerdem:

  • ein möglichst regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus,
  • ausreichende und über den Tag verteilte Flüssigkeitszufuhr,
  • regelmäßige Mahlzeiten,
  • eine realistische Planung von Erholungszeiten,
  • das Erkennen individueller Reizverstärker,
  • ein Kopfschmerztagebuch zur Beobachtung von Verlauf und Auslösern,
  • ein behutsamer Aufbau körperlicher Aktivität.

Die Lebensführung sollte dabei nicht zu einem weiteren Kontrollprojekt werden. Migränebetroffene kennen oft bereits eine lange Liste vermeintlicher Verbote: bestimmte Lebensmittel, wechselndes Wetter, Stress, Bildschirmarbeit, Sport oder zu wenig Schlaf. Nicht jeder zeitliche Zusammenhang bedeutet eine eindeutige Ursache. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, Muster zu erkennen, ohne jeden einzelnen Tagesfaktor überzubewerten.

Neuromodulation als weitere Option

Die externe transkutane Stimulation des Nervus trigeminus im supraorbitalen Bereich wird in der genannten S1-Leitlinie als wirksame nicht-medikamentöse Option zur Migräneprophylaxe beziehungsweise Akutbehandlung aufgeführt. Bei diesem Verfahren werden elektrische Reize über den Bereich oberhalb der Augenbrauen beziehungsweise der Stirn vermittelt.

Neuromodulation ist weder mit Physiotherapie gleichzusetzen noch für jede Person automatisch geeignet. Sie stellt eine eigene Behandlungsoption dar, deren Einsatz, Frequenz und Verträglichkeit individuell besprochen werden sollten. Für einige Betroffene kann sie interessant sein, wenn sie medikamentöse Strategien ergänzen oder die Behandlung breiter aufstellen möchten.

Migränetherapieformen im Vergleich

Die verschiedenen Verfahren verfolgen unterschiedliche Ziele. Ein Vergleich wird deshalb erst dann sinnvoll, wenn wir nicht nur fragen, welche Methode besser ist, sondern wofür sie eingesetzt wird.

TherapieformHauptzielBesonders sinnvoll beiGrenzen und Hinweise
Akutmedikation, zum Beispiel TriptaneEine laufende Migräneattacke möglichst rasch lindernStarken Attacken, deutlicher Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Übelkeit oder erheblicher AlltagseinschränkungAuswahl und Anwendung müssen zur individuellen Situation passen; häufige Einnahme ärztlich besprechen
Physiotherapeutische BehandlungFunktionelle Belastungen, Muskelspannung und Bewegungsstörungen beeinflussenNackenbeschwerden, eingeschränkter Beweglichkeit, muskulären Kompensationen und wiederkehrender ÜberlastungKeine Garantie für eine vollständige Heilung der primären Migräne; Dosierung ist entscheidend
TriggerpunkttherapieÜberempfindliche und schmerzhafte Muskelbereiche behandelnBegleitender myofaszialer Schmerz, druckempfindlicher Schulter- und NackenmuskulaturZu intensiver Druck kann Beschwerden verstärken
AusdauertrainingMigräneprophylaxe und Aufbau körperlicher BelastbarkeitRegelmäßig wiederkehrenden Attacken und geringer GrundausdauerLangsamer Aufbau statt sporadischer Überlastung
NeuromodulationTrigeminale Reizverarbeitung nicht-medikamentös beeinflussenAls ergänzende Akut- oder ProphylaxemaßnahmeNicht jedes Gerät und jedes Protokoll passt zu jeder Person
Multimodaler AnsatzMehrere Einflussfaktoren gleichzeitig bearbeitenHäufigen Attacken, chronischen Nackenbeschwerden und komplexem BeschwerdebildErfordert Abstimmung und Geduld; Ergebnisse lassen sich nicht auf eine Einzelmaßnahme zurückführen

Diese Gegenüberstellung zeigt auch, warum der Begriff alternative Migränetherapie methoden mit Vorsicht verwendet werden sollte. Nicht jede Methode außerhalb der klassischen Medikation ist automatisch alternativ, sanft oder wissenschaftlich abgesichert. Physiotherapie, Ausdauersport und Neuromodulation sind nicht bloß Ersatzlösungen, sondern eigenständige Bausteine, die je nach Ziel und Befund unterschiedlich eingeordnet werden müssen.

Wann die Kombination besonders sinnvoll ist

Die größte therapeutische Klarheit entsteht häufig, wenn wir die Attackenbehandlung von der langfristigen Regulation unterscheiden.

Während einer starken Migräneattacke kann eine physiotherapeutische Behandlung zu viel sein. Licht, Berührung, Bewegung und Geräusche werden dann teilweise als verstärkende Reize erlebt. In dieser Phase steht meist die Akutbehandlung im Vordergrund. Eine ruhige Umgebung, ein individuell passendes Medikament und die Reduktion von Reizen können wichtiger sein als aktive Übungen.

Zwischen den Attacken sieht die Situation anders aus. Dann können Beweglichkeit, Muskelspannung, Schlaf, Ausdauer, Atemmuster und die Belastungsverteilung gezielt bearbeitet werden. Auch das Vertrauen in Bewegung lässt sich wieder aufbauen. Viele Menschen mit wiederkehrender Migräne vermeiden bestimmte Bewegungen, weil sie eine neue Attacke befürchten. Diese Vorsicht ist verständlich, kann aber langfristig zu mehr Steifigkeit und körperlicher Unsicherheit führen.

Ein multimodaler Plan kann beispielsweise folgende Elemente verbinden:

1. Ärztliche Einordnung des Kopfschmerzes: Zunächst sollte geklärt sein, ob es sich tatsächlich um Migräne handelt und ob eine Akut- oder Prophylaxetherapie erforderlich ist.

2. Individuelle Akutstrategie: Für stärkere Attacken wird festgelegt, welches Medikament oder welche andere Maßnahme wann eingesetzt werden kann.

3. Physiotherapeutischer Befund: Nacken, Brustwirbelsäule, Schultergürtel, Kiefer, Atmung und Bewegungsverhalten werden im Zusammenhang betrachtet.

4. Dosierte aktive Übungen: Beweglichkeit und Belastbarkeit werden schrittweise erweitert, ohne das Nervensystem zu überfordern.

5. Regelmäßige Ausdauerbelastung: Ein verträglicher Trainingsrhythmus unterstützt die Prophylaxe und die allgemeine körperliche Regulation.

6. Verlaufskontrolle: Attackenhäufigkeit, Dauer, Intensität und Begleitsymptome werden beobachtet, damit die Behandlung angepasst werden kann.

Dieses Vorgehen braucht Zeit, weil Migräne nicht nur aus einem lokalen Schmerzreiz besteht. Das Nervensystem lernt nicht innerhalb einer einzigen Sitzung, Belastung wieder sicherer zu verarbeiten. Gleichzeitig bedeutet ein längerer Prozess nicht, dass jede Maßnahme wochenlang unverändert fortgeführt werden sollte. Wenn sich Beschwerden deutlich verschlechtern oder kein nachvollziehbarer Fortschritt zeigt, muss die Strategie überprüft werden.

Gute Migränetherapie besteht nicht darin, eine einzelne Methode zu idealisieren, sondern die richtige Aufgabe der jeweiligen Methode zu erkennen.

Wie Sie die passende Behandlung auswählen

Die Auswahl richtet sich vor allem nach dem Muster Ihrer Beschwerden. Eine Person mit wenigen, aber sehr intensiven Attacken braucht möglicherweise zunächst eine gut abgestimmte Akuttherapie. Bei einer anderen Person stehen häufige Kopfschmerzen, ausgeprägte Nackenbeschwerden und eine geringe körperliche Belastbarkeit im Vordergrund. Dort kann die langfristige Prophylaxe mit physiotherapeutischen und aktiven Maßnahmen einen größeren Raum einnehmen.

Hilfreich sind vor dem Termin konkrete Beobachtungen:

  • Wie oft treten die Attacken auf?
  • Wie lange dauern sie unbehandelt oder trotz Behandlung?
  • Beginnen Nackenbeschwerden vor dem Kopfschmerz oder erst während der Attacke?
  • Welche Bewegungen oder Belastungen verschlechtern die Symptome?
  • Gibt es Übelkeit, Aura, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit?
  • Wie häufig werden Akutmedikamente eingenommen?
  • Welche Maßnahmen haben bisher kurzfristig geholfen, welche eher verschlechtert?
  • Wie reagieren Sie auf Berührung, Dehnung, Sport oder längeres Sitzen?

Bei neu auftretenden, ungewöhnlich starken oder plötzlich einsetzenden Kopfschmerzen sollte nicht zuerst eine physiotherapeutische Ursache angenommen werden. Auch neue neurologische Symptome, Fieber, Nackensteifigkeit, Bewusstseinsstörungen oder deutliche Veränderungen eines bekannten Kopfschmerzmusters gehören ärztlich abgeklärt. Physiotherapie kann eine medizinische Diagnostik ergänzen, aber nicht ersetzen.

Für eine mobile ganzheitliche Physiotherapie und einen Hausbesuch kann es besonders hilfreich sein, dass nicht nur die Behandlungsliege betrachtet wird, sondern auch die reale Umgebung: Arbeitsplatz, Sitzgewohnheiten, Schlafsituation und die Bewegungen, die im Alltag tatsächlich stattfinden. Gerade bei chronischen Schmerzen liegen die entscheidenden Belastungen oft nicht in einer isolierten Bewegung, sondern im Zusammenspiel vieler kleiner Anpassungen über den Tag.

Ein realistischer Ausblick auf langfristige Linderung

Die wirksamste Migränetherapie ist selten die spektakulärste. Sie ist diejenige, die zu Ihrem Beschwerdebild, Ihrer aktuellen Belastbarkeit und Ihren persönlichen Ressourcen passt. Medikamente können Attacken gezielt unterbrechen. Physiotherapie kann Nacken, Schultergürtel und Bewegungsverhalten beeinflussen. Ausdauertraining unterstützt die Prophylaxe, Neuromodulation erweitert die nicht-medikamentösen Möglichkeiten.

Keine dieser Maßnahmen sollte pauschal gegen die anderen ausgespielt werden. Die zentrale Frage lautet nicht, ob Migräne mit Medikamenten oder Physiotherapie behandelt wird, sondern an welcher Stelle der Behandlung gerade der größte Nutzen zu erwarten ist. Während der Attacke braucht das Nervensystem häufig Entlastung und eine wirksame Akutstrategie. Zwischen den Attacken können wir Beweglichkeit, Sicherheit und Belastbarkeit wieder aufbauen.

So entsteht eine ganzheitliche Migränetherapie, die den Schmerz ernst nimmt, ohne den Körper auf eine verspannte Muskelgruppe zu reduzieren. Langfristige Linderung beginnt dort, wo medizinische Behandlung, physiotherapeutisches Verständnis und ein gut dosierter aktiver Alltag ineinandergreifen.

Häufige Fragen

Ist der Nacken die Ursache für Migräne?
Der Nacken ist bei Migräne häufig Teil des Beschwerdebildes, aber nicht automatisch die alleinige Ursache. Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, bei der das trigeminale Schmerzsystem und die obere Halsregion miteinander verbunden sind.
Kann Physiotherapie bei Migräne helfen?
Physiotherapie kann funktionelle Faktoren wie Muskelspannung, eingeschränkte Beweglichkeit und ungünstige Belastungsverteilungen beeinflussen. Sie behandelt jedoch nicht die neurologische Veranlagung zur primären Migräne und garantiert keine vollständige Heilung.
Welche Medikamente helfen bei einer akuten Migräneattacke?
Nach der genannten S1-Leitlinie gehören Eletriptan, Rizatriptan und Sumatriptan zu den wirksamsten Substanzen in der Akutbehandlung. Welches Präparat geeignet ist, hängt unter anderem von Stärke und Dauer der Attacke, Begleitsymptomen und möglichen Vorerkrankungen ab.
Kann man Migräne ohne Medikamente behandeln?
Nicht-medikamentöse Verfahren können einen wichtigen Beitrag leisten, ersetzen aber nicht in jedem Fall eine ärztliche Akut- oder Prophylaxetherapie. Als Möglichkeiten werden unter anderem regelmäßiges Ausdauertraining, ein stabiler Schlaf-Wach-Rhythmus, ein Kopfschmerztagebuch und Neuromodulation genannt.
Wann ist eine Kombination verschiedener Migränetherapien sinnvoll?
Während einer starken Attacke steht meist die Akutbehandlung im Vordergrund, weil Licht, Berührung, Bewegung und Geräusche zusätzlich belasten können. Zwischen den Attacken lassen sich Beweglichkeit, Muskelspannung, Schlaf, Ausdauer, Atmung und Belastungsverteilung gezielt bearbeiten.